Von Pamela Woolford

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Hier bin ich und schaue in die Kamera. Im letzten Sommer, 2016, und ich werde mich gleich neben Frauen hinlegen, die ich nicht kenne. Da sind mehr als vierzig von uns. Jede hat sich in ein Leintuch gewickelt, verteilt von einem Volontär.

Wir stehen noch in der Gruppe beisammen, warten darauf, uns denen am Boden anzuschließen, beobachten, starren die an, die vor uns aufgereiht liegen, so wie wir auch gleich liegen werden, Schulter an Schulter, die Arme aneinandergepresst, als zweite Linie über der, die bereits liegt.

Für mich unerwartet ist da kein Aroma von Puder oder Parfüm. Ich rieche den Duft unserer Körper.

Wir sind offen und freundlich zueinander. Wir sagen nicht viel.

Manche von uns werden die Brüste entblößen.

Ich bin die Erste, die es tut. »Wann sollen wir die Oberteile runterziehen, falls wir uns damit wohlfühlen?«, frage ich und beziehe mich auf die Option, die man uns vorher gegeben hat. Soweit ich das sehe, bin ich mit neunundvierzig die Zweitälteste in unserer Gruppe.

»Jetzt, wenn ihr wollt«, antwortet eine Frau, die dabei hilft, uns aufzureihen, und ich fange an, den Stoff runterzuziehen.

»Ach, scheiß drauf«, sagt eine Frau neben mir solidarisch – eine Mittzwanzigerin, schätze ich – und tut es mir nach. Ein paar andere sehen es und schließen sich an, sie machen ähnliche Bemerkungen zu Frauen, die sich an sie pressen: »Ich mach’s« und so Sachen.

Einige von uns, inklusive mir, werden von der Hüfte bis zu den Zehen in die Laken eingewickelt und geschnürt. Dabei hilft uns eine Assistentin.

Da ist eine Kamera zwei Stockwerke über uns, ein Fotograf bedient sie, indem er sich über ein Geländer lehnt und runterschaut. Er drückt bei jedem Foto mehrfach ab, sagt immer Bescheid vor dem Klicken des Verschlusses.

Jedes Mal, wenn er es tut, blicke ich in die Kamera, die mich mit ihrer Linse einfängt, hoch oben und weit weg, und male mir meine Versklavung aus.

Wir sind »Doubles«, Vertretungen, Erinnerungen an afrikanische Sklaven, die in Schiffe gepackt auf dem Weg nach Amerika sind.

Wir sind nebeneinander nach Hautfarbe sortiert, so wie andere Gruppen von Frauen und Gruppen von Kindern und Gruppen von Männern es in Fotoshootings des gleichen Fotografen, Fabrice Monteiro, in Amerika und im Senegal sein werden. Das Hell und Dunkel unserer Haut bildet eine Botschaft in Morsecode.

Wir sind alle Zeugen der Geschichte, sagt der Künstler, der Fotograf. Er hat vor, die Fotos zu einem großflächigen Bild hunderter Menschen zu kombinieren, die diejenigen repräsentieren, die über hunderte Jahre, in denen amerikanische und europäische Länder Millionen Schwarze versklavten und töteten, brutal angekettet auf der Middle-Passage-Sklavenroute zwangsverschifft wurden.

Ich denke an den Tag, als dieses Foto entstand. Es war im August, vor fünf Monaten. Ich weiß nicht, ob ich heute teilnehmen würde. Der Rassismus, der Sexismus, die Wut und der Konflikt, die in letzter Zeit immer lauter, dreister und vorherrschender werden, machen mich unsicher, ob ich es tun würde. So eine Entscheidung wäre problematischer für mich.

Hier bin ich und schaue das Foto an, beschreibe, dokumentiere den Tag. Eine Woche vor dem Women’s March on Washington, wo ich am 21. Januar sein werde, um mit hunderttausenden Frauen bei der National Mall in Washington, DC zusammenzukommen.

Ich habe über die Jahre schon an zahlreichen Demonstrationen und Protesten teilgenommen. Heute, mit bald 50, bin ich bei solchen Sachen nicht mehr so enthusiastisch. Ich werde kein Schild halten und keine pinke Mütze tragen und vielleicht werde ich auch den Sprechchor auslassen (ich weiß es nicht). Ich habe aber auch nichts gegen all das.

Ich werde hingehen und als Zeugin dort sein. (Wir sind alle Zeugen der Geschichte, hat Monteiro am Tag des Fotoshootings gesagt.)

Ich werde mich selbst in dieser Menschenmenge repräsentieren, weil ich es kann. Ich werde eine Erinnerung sein.

Hier bin ich, werde ich mit der Anwesenheit meines Körpers bei der Demonstration sagen. Hier bin ich.

Im Augenblick kann ich nichts tun als sein.

 

Pamela Woolford ist Autorin und Journalistin. Mehr über ihre Arbeit auf about.me.

Übersetzung: Claudia Toman

Foto © Françoise Bouffault

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