Von Amy L. Freeman

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Leiste Widerstand.

Hingekritzelt mit schwarzem Edding entdeckte ich diese Wörter am Donnerstag in der Innenseite des Kartons der Fotos, die ich bestellt hatte. Merkwürdig, dachte ich, während ich mir die ersten Fotos ansah.

Die Bilder waren von mir und meinen Kindern, als wir während des Frauenmarschs Schilder hochgehalten haben, lächelnd und entschlossen mitten in einem Meer der Menschlichkeit. Mein Blick blieb erneut an den Wörtern hängen. Waren sie für mich bestimmt? Lieferanten schicken ja normalerweise keine geheimen Botschaften an ihre Kunden. Und in Fotoläden darf man den Inhalt der bestellten Bilder eigentlich nicht studieren, oder?

Ich zog den nächsten Stapel Fotos aus dem zweiten Karton – ich mit meinen Kindern beim Marsch für die Wissenschaft, immer noch lächelnd, immer noch entschlossen, immer noch mitten in dem Meer voller Menschlichkeit. Da, in derselben Handschrift noch mehr Wörter:

Lass nicht locker.

Okay. Kapiert. Die Wörter waren für mich. Ein Angestellter des Fotoladens, den ich niemals treffen würde, hatte vermutlich gegen Unternehmensrichtlinien verstoßen als er sie geschickt hatte.

Warum bloß?

Als ich ungefähr im dritten Schuljahr war, hatte unser Lehrer uns die Aufgabe gegeben, Flaschenpost-Botschaften zu kreieren. Wir sollten Glasflaschen nehmen, sie knallbunt dekorieren, unsere Nachrichten auf ein Stück Papier schreiben, sie in die Flaschen stopfen und so clever wie möglich versiegeln. Ich habe geschmolzenen Wachs benutzt, Gummikitt und eine extra Schicht durchsichtigen Nagellack. Während eines späteren Ausflugs, würden wir sie dann von einem Boot schmeißen und auf Antwort warten.

Ich habe meine Nachricht allein in meinem Schlafzimmer geschrieben. In der Stille der Nacht, während ich mir den Fremden vorgestellt habe, der meine Flasche finden würde, war die Nachricht plötzlich mehr als eine Schulaufgabe. Ich habe aus meinem Fenster in die unendliche Dunkelheit gesehen, die Sterne in der Ferne, während mich die Größe des Universums zum Zwerg schrumpfen ließ. Entrissen meinem Herzen, war meine Nachricht ein Appell an das Unbekannte:

Hör mich. Lass mich wissen, dass du irgendwo da draußen bist. Ich will nicht allein sein.

Dieser Fremde würde meine Nachricht lesen. Ohne, dass man mich kannte, würde sie jemandem wichtig sein.

Wochen verstrichen, Monate. Niemand hat jemals auf meine Flaschenpost geantwortet und irgendwann habe ich sie vergessen.

Das heißt, bis ich letzte Woche das Päckchen öffnete, als ich plötzlich wieder neun war. Außer, dass ich jetzt erkenne, was mir damals nicht klar war: Das Wichtige an der Aufgabe war nicht das Warten auf irgendeine Antwort, sondern vielmehr, dass ich voller Hoffnung war, als ich meine Worte an das Universum gerichtet hatte. Das Verfassen meiner Nachricht, mir vorzustellen, dass jemand sie finden würden, zu wissen, dass jemand sie finden könnte, war Verbindung genug.

Deshalb werde ich erst gar nicht versuchen, herauszufinden, wer aus dem Fotoladen mir diese Nachricht geschickt hat.

Vielleicht soll ich das auch gar nicht.

Ich lese die Nachricht des Angestellten, und ohne dass ich ihn kenne, ist sie mir wichtig. Heute, allein in meinem Arbeitszimmer, schreibe ich diese Nachricht. Sie ist für dich.

Hör mich. Lass mich wissen, dass du irgendwo da draußen bist. Ich will nicht allein sein.

Leiste Widerstand. Lass nicht locker. Finde die Verbindung.

Übersetzung: Kirsten Greco
Foto: Carlo Villarica via a Creative Commons license

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